
Dass Trossingen dem Beinamen »Musikstadt« mehr als gerecht wird, bewies die von den großen Kulturinstitutionen gemeinsam veranstaltete »Lange Nacht der Konzertsäle« mehr als deutlich: Beim Gang zu den verschiedenen Konzertorten wurde eine breites Programm verschiedenster Musik geboten, das beim Abschlusskonzert im Hohner-Konzerthaus einen denkwürdigen Abschluss mit den NewYorkVoices und der BigBand der Hochschule fand – doch eins nach dem anderen…
Den Ausgang nahm die »Tour de Städtle« an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung. Hier wurde nach dem gut besuchten Get-together Einblick gewährt in die Arbeit der NewYorkVoices, die die gesamte Woche über das European VocalCamp mit knapp 100 Teilnehmer:innen aus der ganzen Welt veranstaltet hatten. Greg Jaspers, der das halbstündige Programm anleitete, versprach nicht zu viel, als er das Publikum darauf hinwies, dass man hier nicht als Zuhörer:in gekommen sei, sondern als Mitsänger:in – und so entspann sich ein Paradebeispiel für die sogenannte Community-Music, also das gemeinschaftliche und voraussetzungslose Singen ohne Noten. Dass die Campteilnehmer:innen ebenfalls im Saal waren, verhalf dem Publikum freilich zu einiger Stimmkraft, doch auch die übrigen Konzertbesucher:innen wagten sich nach anfänglicher Zurückhaltung an Call-and-Response-Blues und mehr.
Von der Bundesakademie führte dann der geografische Weg in die Stadtmitte, der musikalische allerdings einmal quer durch Europa: Gab es im Konzertsaal der Musikhochschule klassische Chormusik aus Tschechien auf die Ohren (Leoš Janáčeks »Wildente« und Dvořáks »Sechs Klänge aus Mähren«), so erwartete die vielen Musikinteressierten in der Musik- und Tanzschule ein kleines Konzert des Trios Balanca, das sich ganz der portugiesischen Musik verschrieben hat und den weltoffenen musikalischen Reigen um weitere Facetten ergänzte. Von hier begab man sich gemessenen Schrittes in Richtung der Kulturfabrik im Kesselhaus, wo das Ensemble RIFIFI einige kurze Operetten-Schwänke und Schmonzetten aus den bewährten und allseits beliebten Programmen der letzten Jahre zum Besten gab.
Das alles war bereits bis zu diesem Zeitpunkt derart kurzweilig, unterhaltsam und auf musikalischer Ebene überzeugend, dass die Vorfreude auf das Abschlusskonzert im Konzerthaus sicht- und spürbar war. Und niemand sollte enttäuscht werden:
Da waren sie dann wieder, die NewYorkVoices, jetzt mit großer Verstärkung in Form der BigBand der Hochschule für Musik Trossingen und bei einer Nummer dann sogar nochmals mit ausgewählten Campteilnehmer:innen. Nicht nur die Bühne war gut gefüllt, auch im Publikum waren nur wenige freie Plätze auszumachen, selten hat man das Konzerthaus derart voll besetzt gesehen.
Die Musik des knapp 90-minütigen Konzerts indes war über jede Kritik erhaben. Die BigBand, die hörbar von der offenbar guten Probenarbeit mit den NewYorkVoices profitierte, wie neu belebt und mit großer Spielfreude musizierte, bildete den perfekten Rahmen für die vier Stimmen des US-amerikanischen Ensembles, das gelegentlich um bekannte Gastsänger:innen ergänzt wurde: Anne Czichowsky, die Organisatorin des VocalCamps gab sich ebenso die Ehre wie auch Anika Neipp, die, wie der Arrangeur und Sänger Greg Jaspers, dozierend im Camp wirkte. Insbesondere die stilistische Bandbreite des aufgespannten Programms beeindruckte: Von Swing-Klassikern im Basie-Stil zum Paul-Simon-Cover bis hin zu zur tropischen Hitze passenden brasilianischen Songs von Ivan Lins erklang ein musikalischer Höhepunkt nach dem nächsten. Die ungemein charismatischen vier Musiker:innen führten dabei humorvoll-lässig durch’s Programm, zeigten sich hocherfreut über das gemeinsame Musizieren mit den Studierenden und erwiderten den unbändigen Applaus samt stehnder Ovationen mit zwei Zugaben, wobei insbesondere das Queen’sche »Bohemian Rhapsody« zu derart ausladenden Begeisterungsstürmen führte, dass man diejenigen, die das WM-Spiel dem Konzert vorgezogen haben, nur aufrichtig bedauern kann.
Die ohnehin schon vielseitige Konzertsaison fand mit dieser fürwahr »Langen Nacht« ein beeindruckendes Ende – und abermals einen Beleg, dass sich das Trossinger Kulturprogramm nicht vor den großen Städten zu verstecken braucht.
-Adrian T. Brenneisen










