Blicke in den Blauen Bau – Neues aus der Musikhochschule

Folge 1: Zwischen Stamm und Stimme – Apfelernte im Hochschulgarten

Von Adrian Brenneisen

Mit diesem Bericht beginnt auf KuKT eine neue Reihe: „Blicke in den Blauen Bau – Neues aus der Musikhochschule“. Der Blaue Bau ist das architektonische Wahrzeichen der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen; was sich hinter seiner Fassade abspielt, erreicht die Öffentlichkeit meist nur in Form von klingender Musik. Die Reihe will Einblicke geben ins Innere: In unregelmäßigen Abständen berichten wir von Projekten, Menschen und bemerkenswerten Ereignissen des Hochschulalltags – von dem, was die Musikhochschule über den Konzertbetrieb hinaus beschäftigt und bewegt. Den Auftakt macht ausgerechnet ein Bericht aus dem Freien: die jährliche Apfelernte im Hochschulgarten.

Wenn das Spätsommerlicht flacher wird und sanft golden über den Hochschulgarten der Musikhochschule Trossingen fällt, gehen hier einmal im Jahr merkwürdige Dinge vor: Freiwillige aus der Reihe der Studierenden widmen sich einen Tag lang den alten Streuobstbäumen im Garten zwischen Hauptgebäude und Blauem Bau. Zwischen den Bäumen mischen sich an diesem Nachmittag Geräusche, die man hier sonst nicht hört: das Fallen der Früchte in die Kisten, das Mahlen der Obstmühle, das sanfte Plätschern des frischgepressten Saftes. Und natürlich die gut gelaunten und tatkräftigen Rufe der Ernter:innen.

Hochschul-Mosterei – mittlerweile mit Tradition

Die Apfelernte ist eine Initiative der Studierenden, vor etwa sechs Jahren hatte das Ganze mit der Nachhaltigkeitsgruppe »heute für morgen« seinen Lauf genommen und findet seither jährlich kurz vor Beginn des Wintersemesters statt. So gibt es nun einmal im Jahr hochschuleigenen Apfel-Birnensaft – zwar in kleinen Mengen, aber zur großen Freude all jener Menschen, die das Glück haben, etwas davon abzubekommen.

Bemerkenswert ist der stille Tauschhandel, der die Aktion seit einigen Jahren begleitet. Die Studierenden bringen ein symbolisches »Fläschle« frisch gepressten Safts zum Amt  für Vermögen und Bau Rottweil – als Nachweis für die landwirtschaftliche Nutzung der Streuobstbäume gewissermaßen. Im Gegenzug werden die Obstbäume fachgerecht geschnitten. Das ist eine kleine, liebenswerte, völlig unbürokratische Geste: Kein Vertrag, keine Ausschreibung, einfach gesunder Menschenverstand und Kommunikation.

Dieses Jahr war auch Kathi Krause-Solano dabei, Klimaschutzmanagerin des Landes und seit einiger Zeit an der Hochschule im Einsatz. Dadurch erhält die Aktion weitere Unterstützung von der administrativen Seite der Hochschule. Klimaschutz und Bewusstsein für Umwelt und Natur, so versteht sich die Aktion, beginnen eben nicht mit Verordnungen und Richtlinien, sondern im Tun und Handeln vor der eigenen Haustür.

Nachhaltige Hochschullehre mal anders

Musik studieren heißt mehr als zu üben und Tonsatz zu pauken. In Trossingen ist es vielleicht wie an keinem anderen Ort möglich, direkte, praktische Zugänge zur Welt zu kultivieren, die zugleich einen Gegenpol zum immer stärker digitalisierten Alltag bilden. Wer einen Apfel vom eigenen Baum pflückt, wer Saft presst und ihn weitergibt, begreift Nachhaltigkeit nicht als abstraktes Ideal, sondern als echtes Tun. Der Hochschulgarten ist in diesem Sinne kein leicht verwilderter Vorplatz der Hochschule, sondern einer ihrer stillsten und zugleich vielseitigsten Unterrichtsräume – mit einem Curriculum, das sich über Jahre ausschreibt und jedes Jahr im Herbst aufs Neue für einen kurzen Moment sogar geschmacklich erfahrbar wird. Ganz ohne ECTS-Credits und Studienverlaufsplan.

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