Iris-Marquardt-Preis 2026: Das Ensemble L’Aura überzeugt durch gemeinsame Spielfreude und steht für gelebte interkulturelle Musizierpraxis

Am Donnerstabend, den 11. Juni 2026, füllte das Ensemble L’Aura den Konzertsaal der Hochschule für Musik Trossingen mit einer Atmosphäre, die ihrem Namen alle Ehre machte: L’Aura – abgeleitet vom lateinischen aura, dem Hauch, der Menschen und Dinge umgibt. Und tatsächlich war es genau dieser Hauch, diese unsichtbare, aber allgegenwärtige Energie, die das Preisträgerkonzert des 30. Iris-Marquardt-Preises 2026 zu einem eindrucksvollen Erlebnis machte. Das Sextett, bestehend aus Yutaro Yajima (Flöte), Hyunseon Park (Oboe), Shen-Chieh Liu (Klarinette), Lahav Ganchrow (Fagott), Dan Hetzroni (Horn) und Seunghee Yoon (Klavier), hatte sich in einem zweistufigen Wettbewerb gegen zwölf weitere Ensembles und Solistinnen durchgesetzt – und bewies gestern, warum.

Das Programm spannte eine große Bandbreite kammermusikalischer Virtuosität und emotionaler Tiefe der französischen Musik des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Was dieses Konzert besonders machte, war nicht nur das Repertoire, sondern die Heterogenität des Ensembles selbst: Sechs Musikerinnen und Musiker aus vier Ländern – Südkorea, Israel, Taiwan und Japan – vereint durch die Leidenschaft zur Musik und den Willen, gemeinsam etwas zu schaffen, das, wie es Christoph Marquardt in seinem Grußwort formulierte, «größer ist als die Summe seiner Teile». Betreut wird das Ensemble L’Aura von Prof. Ákos Hernádi, selbst ein Ungar, der die multikulturelle Prägung des Ensembles noch um eine weitere Facette bereichert.

Die Hochschule Trossingen, dieser «dichte rote Faden» aus Musik, wie es im Interview mit Prorektor Prof. Jochen Schorer hieß, bietet für die musikalisch-kreative Arbeit den idealen Nährboden: kurze Wege, ständige Begegnungen, ein familiäres Miteinander, das den Austausch nicht nur ermöglicht, sondern fördert. In Trossingen lebt man nicht nur nebeneinander, man musiziert miteinander – und das hört man.

Im fast voll besetzten Konzertsaal der Hochschule wurde die Kammermusik zu einem intimen Dialog. Jede und jeder aus dem Ensemble brachte nicht nur technische Perfektion mit, sondern auch große Spielfreude und Gestaltungswillen: Hier wurde nicht einfach Musik gemacht, hier wurde gemeinsam gedacht, diskutiert, konsensual gestaltet. Die Jury hatte es bereits während des Wettbewerbs erkannt und in der Begründung konkret benannt: L’Aura vereint hohe musikalische und soziale Kompetenz – die Balance in Dynamik, Präzision, Virtuosität und Ausdruck, die Fähigkeit, individuelle Rollen auszuarbeiten und doch ein klares Gesamtbild zu zeichnen. Und genau das war gestern Abend zu hören.

Besonders beeindruckend war die Interpretation von Jean Françaix’ Werk «L’Heure du Berger», in dem das Ensemble seine kommunikative Stärke unter Beweis stellte. Die Vernetzung untereinander, das Vertrauen zueinander, die Lust am gemeinsamen Musizieren – all das war nicht nur spürbar, sondern auch hörbar. Die «gemeinsamen Kilometer», die das Ensemble bereits auf den Instrumenten zurückgelegt hat, schienen in jedem Akkord, in jeder Nuance präsent. Die Auswahl der Stücke, die auf eine offene Kommunikation abseits der Überäume schließen ließ, unterstrich zudem das hohe Maß an musikalischer Intelligenz und Repertoirekenntnis.

Am Ende des Abends stand nicht nur der verdiente Applaus für ein überzeugendes Konzert, sondern auch die Einsicht: Gerade durch Förderprogramme wie das der Iris-Marquardt-Stiftung werden in Trossingen musikalisch-kulturelle Höhepunkte ermöglicht. Die Auslobung des Preises ist Jahr für Jahr ein wichtiges Signal – ein Zeichen dafür, dass musikalische Exzellenz gesehen, geschätzt, gefördert und auch honoriert wird, auch abseits der großen Kulturmetropolen, mitten in der beschaulichen Musikstadt Trossingen.

– Adrian T. Brenneisen

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