Zwischen Mitternacht, Wackelkontakt und schlaflosen Nächten: Literatur-Talk in der Stadtbücherei

Ein gutes Buch muss spannend erzählt und bilderzeugend geschrieben sein, und es darf nicht die Luft raus sein, bevor es zuende ist – das zumindest erwartete das Publikum am Freitagabend in der Trossinger Stadtbücherei. Drei Bücher hatten Sabine Felker, Frauke Fischer-Lohrer und Hannah Schlaszus in die Talkrunde „Literatur im Gespräch“ mitgebracht, um aus ihnen vorzulesen und über sie zu diskutieren. Ob die Romane den genannten Ansprüchen der Gäste genügen? Aus Sicht der drei Talk-Teilnehmerinnen auf jeden Fall.

„Literatur im Gespräch“ bildete auch dieses Jahr den Abschluss der inzwischen 6. Auflage der Trossinger Literaturtage (organisiert von der VHS, der Stadtbücherei und dem Kommunalen Kino Trossingen) und lässt verschiedene Gedanken, Perspektiven und Lesarten aufeinandertreffen. Die Stadtbücherei liefert dafür die perfekte Atmosphäre, denn wo ließe sich besser über Bücher diskutieren, als umgeben von Büchern?

Frauke Fischer-Lohrer, Hannah Schlaszus und Sabine Felker diskutierten über Literatur.

Frauke Fischer-Lohrer, Hannah Schlaszus und Sabine Felker diskutierten über Literatur.

VHS-Leiter Dr. Jens Kistenfeger stellte die Teilnehmerinnen der Diskussionsrunde vor: Sabine Felker ist in Trossingen bekannt als Pressesprecherin der Stadt und zuvor langjährige Leiterin der Redaktion der „Trossinger Zeitung“. Frauke Fischer-Lohrer arbeitet seit über 30 Jahren als Logopädin, betreibt in Trossingen ihre Praxis und ist zum dritten Mal Teil der Talkrunde. Mit Hannah Schlaszus war diesmal ein neues, junges Gesicht dabei: Die 21-Jährige steckt derzeit mitten in der Ausbildung, engagiert sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich und bringt großes Interesse an gesellschaftlichen Themen mit. Eine spannende Besetzung also, mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln auf unterschiedliche Szenarien.

Unterschiedlich waren auch die Bücher, die sie mitgebracht hatten. „Alle haben verschiedene Stile, aber durch Zufall haben wir ein Motto gefunden“, sagte Sabine Felker, die die Runde auch moderierte. „Alle drehen sich auf die eine oder andere Art um Perspektivwechsel.“

„Wackelkontakt“ von Wolf Haas: Franz Escher sitzt in seiner Wohnung und wartet auf den Elektriker – die Steckdose hat einen Wackelkontakt. Um sich die Zeit zu vertreiben, greift er zu einem Buch. Darin geht es um den Mafia-Kronzeugen Elio Russo, der im Gefängnis auf seine Freilassung wartet. Weil er zahlreiche frühere Komplizen verraten hat, lebt er in ständiger Angst um sein Leben. Schlaf findet er kaum – also liest auch er ein Buch. Und dieses handelt von Franz Escher, der auf den Elektriker wartet, weil seine Steckdose nicht funktioniert.
Was zunächst wie zwei klar getrennte Geschichten wirkt, beginnt sich immer mehr ineinander zu verschränken.

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig: Stell dir vor, zwischen Leben und Tod gäbe es eine unendliche Bibliothek – gefüllt mit all den Versionen deines Lebens, die möglich gewesen wären. Regal um Regal stehen dort Bücher, jedes einzelne erzählt von einem anderen Weg, den du hättest einschlagen können.
Genau an diesem Ort landet Nora Seed, nachdem sie in ihrer Verzweiflung versucht hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. In dieser seltsamen Bibliothek, in der die Zeit stillsteht und die Uhren stets Mitternacht zeigen, bekommt sie eine zweite Chance: Sie darf herausfinden, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich an bestimmten Punkten anders entschieden hätte. Mit jedem Buch, das sie aufschlägt, taucht sie in eine neue Variante ihrer Existenz ein. Doch kann man wirklich glücklich werden in einer Realität, die nie die eigene war?

„Der Schlaf der Anderen“ von Tamar Noort: Janis arbeitet nachts in einem Schlaflabor und lebt entgegen jedem gewohnten Rhythmus – allein, ruhig und ganz bei sich. Doch als Sina in ihr Leben tritt, wächst in ihr der Wunsch nach Veränderung. Sina, eigentlich Lehrerin mit geregeltem Alltag, verliert zunehmend die Kontrolle über ihr Leben. In Janis findet sie einen Zufluchtsort fern von ihren Sorgen.
Zwischen den beiden entsteht eine intensive Verbindung. Gemeinsam lösen sie sich von ihren alten Strukturen und begeben sich auf eine nächtliche Reise, die alles verändert.

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig, „Wackelkontakt“ von Wolf Haas sowie „Der Schlaf der Anderen“ von Tamar Noort

„Wackelkontakt“ hatte sich Frauke Fischer-Lohrer nicht selbst gekauft, sondern direkt von ihrem Mann übernommen, nachdem dieser das Buch ausgelesen hatte. „Das Besondere daran ist, dass zwei Geschichten parallel laufen, wobei die eine von der anderen erzählt und umgekehrt“, erläutert Fischer-Lohrer. Etwas, das sie extrem spannend fand. Man solle, sagte sie, aber länger am Stück lesen, um der Geschichte auch folgen zu können. Zehn Minuten schmökern und dann das Buch beiseitelegen, das sei hier eher schwierig.

Hannah Schlaszus hatte das Buch daher auch an einem Tag komplett gelesen. „Die Wortwitze waren toll“, fand sie. Sabine Felker war fasziniert davon, dass man eigentlich zwei Bücher lese, die aufeinander zulaufen, stellte aber fest: „Auf den letzten 20 Seiten hat mir noch etwas gefehlt.“

Noch viel mehr Bücher in diesem Sinne liest man in Hannah Schlaszus‘ Buch „Die Mitternachtsbibliothek“, in dem jedes Kapitel ein anderes Leben der Protagonistin behandelt. „Sie erlebt alles Mögliche, ist mal Rockstar, mal Polarforscherin und mal Winzerin“, sagte Hannah Schlaszus. Sabine Felker wollte wissen, wie Schlaszus‘ es einschätze, dass der Tod zu Beginn des Buchs sich durchaus als Lösung für die Probleme der Hauptfigur anfühlte. „Da bin ich sehr zwiegespalten“, meinte Schlaszus und fügte hinzu, dass sie sich auf jeden Fall ein anderes Ende gewünscht hätte als das, was der Autor mit einem halb offenen Schluss präsentiert. Frauke Fischer-Lohrer fand dabei gut, dass der Roman herausstellt, dass man in seinem Leben nicht alle Entscheidungen bereuen sollte. Felker stimmte zu: „Dieses Buch will uns auf jeden Fall etwas sagen. Nora krittelt soviel an ihrem Leben herum, dass sie das Gute darin nicht sieht.“

Felkers ausgewähltes Buch „Der Schlaf der Anderen“ („Diesmal ausnahmsweise keine Fantasy oder Science Fiction.“) hatte sie in der Stadtbücherei entdeckt – das Cover habe sie direkt angesprochen. Während Schlaszus bei diesem Roman schwer ins Lesen kam, fand sie es dann doch toll, wie Hauptfigur Sina ihre Stimme wiederentdeckt. „Es geht viel um Miteinander, aber auch um Eigenständigkeit und Einsamkeit.“ Ein happy End hätte sie noch gerne gesehen, während Fischer-Lohrer das Ende richtig gut fand. „Es wird wunderbar erzählt, wie die beiden Frauen eine Verbindung aufbauen“, sagte sie.

Alle drei Romane kann man übrigens in der Stadtbücherei Trossingen ausleihen, bestätigte Büchereileiter Ralf Sorg. Veranstaltungen wie der Literatur-Talk seien immer wieder eine Freude, sagte er: „Die Stadtbücherei ist ein öffentlicher Ort, eine Einrichtung der Kommune, und hat eine tolle Atmosphäre. Es wäre schade, wenn wir das nicht für Veranstaltungen nutzen würde.“

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