
Wer das Eisenbahnmuseum in Trossingen besucht, erlebt weit mehr als eine Sammlung historischer Fahrzeuge. Hier wird Eisenbahngeschichte lebendig, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die fast 130 Jahre alten Fahrzeuge stehen nicht nur in der Halle, sie sind bis heute regelmäßig auf der Strecke unterwegs.
Stefan Ade vom Freundeskreis der Trossinger Eisenbahn erklärt, dass das Museum in seiner heutigen Form in zwei Schritten entstanden ist. Zum 100-jährigen Jubiläum der Trossinger Eisenbahn im Jahr 1998 wurde die ehemalige Reparaturwerkstatt der Bahn in eine Ausstellungshalle für historische Schienenfahrzeuge umgebaut. Damals konnten Besucher die Sammlung allerdings nur nach vorheriger Anmeldung besichtigen. Erst mit der Gründung des Freundeskreises der Trossinger Eisenbahn im Jahr 2004 änderte sich das. „Dank ehrenamtlicher Helfer konnten regelmäßige Öffnungszeiten eingeführt und das Museum mit zusätzlichen Exponaten weiterentwickelt werden“, sagt Ade.
Dass die Trossinger Eisenbahn etwas ganz Besonderes ist, beginnt bereits mit ihrer Entstehung. Ende des 19. Jahrhunderts beschloss das damals rund 3000 Einwohner zählende Dorf, eine eigene elektrisch betriebene Eisenbahn zu bauen – und das zu einer Zeit, als es in Trossingen noch gar keinen Strom gab. „Ein kleines Dorf mit rund 3000 Einwohnern beschließt bei Kerzenlicht, sich eine eigene, elektrisch betriebene Eisenbahn zu bauen“, erzählt Ade. „Kerzenlicht deshalb, weil es zu diesem Zeitpunkt in Trossingen noch keinen Strom gab.“ Deshalb entstand gleichzeitig auch ein Elektrizitätswerk, das nicht nur die Bahn, sondern später auch Fabriken und Haushalte mit Energie versorgte. Für Ade ist das „ein heute kaum mehr vorstellbares Projekt.“
Bei ihrer Eröffnung im Dezember 1898 war die nur vier Kilometer lange Strecke bereits eine der kleinsten privat betriebenen Eisenbahnen Europas. „Heute zählt sie weltweit zu ganz wenigen Bahnen dieser Größe, die den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft haben“, sagt Ade.
Der größte Schatz des Museums ist der grüne Museumszug. „Mit dem grünen Museumszug besitzt Trossingen den ältesten heute noch betriebsbereiten Elektrozug der Welt“, erklärt Ade. Für ihn handelt es sich um „ein technisches Kulturgut von herausragender Bedeutung.“
Doch nicht nur die Fahrzeuge erzählen spannende Geschichten. Ein besonderes Ausstellungsstück trägt den Spitznamen „Kakadu“. Dahinter verbirgt sich ein rund eineinhalb Tonnen schwerer Ersatzmotor, der viele Jahre unter einer Treppe lagerte, weil es keinen geeigneten Platz für ihn gab. Schließlich entstand die Idee, den Motor selbst zum Museumsstück zu machen. Nach einer gründlichen Reinigung wurden die einzelnen Bauteile farbig lackiert und mit einem originalen Fahrschalter verbunden. „Heute können Besucher den Motor wie ein Lokführer in Betrieb nehmen und nachvollziehen, wie Geschwindigkeit und Fahrtrichtung eines elektrischen Zuges gesteuert werden“, erzählt Ade. Gleichzeitig erfüllt der Motor bis heute eine Doppelfunktion: Er ist Ausstellungsstück und einsatzbereiter Ersatzmotor zugleich.
Eine weitere Erfolgsgeschichte sind die beliebten Mondscheinfahrten. Sie entstanden aus einem ganz praktischen Grund. Nach einer aufwendigen Restaurierung wurde die historische E-Lok „Lina“ zu selten bewegt. Die Folge waren erhebliche Stillstandsschäden. „Den Vereinsmitgliedern wurde schnell klar, dass die wertvollen historischen Fahrzeuge regelmäßig bewegt werden müssen, um solche Schäden zu vermeiden“, berichtet Ade. Deshalb begann der Freundeskreis ab 2010 damit, die historischen Fahrzeuge regelmäßig über die Strecke zu fahren. Zunächst passierte dies spätabends nach der letzten Ringzugfahrt. Schmunzelnd nennt Ade diese Fahrten „eine Art Abendgymnastik für historische Züge“. Schnell entstand die Idee, dabei auch Fahrgäste mitzunehmen. „Das war die Geburtsstunde der Mondscheinfahrten.“

Die Triebwagen T3 (Bj 1938, rechts) und T5 (Bj 1956, rechts) stehen bereit zur abendlichen Mondscheinfahrt. Sie kommen – wohlig geheizt – für die Mondscheinfahrten im Winter zum Einsatz. Foto: Freundeskreis Trossinger Eisenbahn
Heute finden die Fahrten zwischen 19 und 22 Uhr statt. Im Sommer fährt der grüne Museumszug, im Winter übernehmen die beheizten historischen Triebwagen T3 und T5 die Fahrten. Die rund vier Kilometer lange Strecke führt vom Bahnhof in der Stadt bis zum Staatsbahnhof. Die Fahrten und sogar die angebotenen Getränke sind kostenlos. „Über eine Spende freut sich der Verein jedoch sehr“, ergänzt Ade.
Für viele Besucher ist gerade die Langsamkeit der besondere Reiz. „Die Mondscheinfahrt ist ein Ort der Entschleunigung“, sagt Ade. „Schon aufgrund der Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h verläuft die Fahrt sehr gemütlich.“ Oft entstünden dabei ganz besondere Begegnungen. „Vor und nach den Fahrten ist das Museum geöffnet, wo sich stets nette und interessante Gespräche ergeben.“ Sein Fazit bringt er in einem Satz auf den Punkt: „Eisenbahn verbindet – über alle Grenzen und Sprachbarrieren hinweg.“
Immer wieder sorgen die historischen Fahrzeuge auch für überraschte Gesichter. Besonders dann, wenn sie reguläre Ringzüge ersetzen. „Nichtsahnende Fahrgäste finden sich plötzlich auf harten Holzbänken eines über 100 Jahre alten Zuges wieder“, erzählt Ade mit einem Lachen. Besonders die ratlosen Blicke am Staatsbahnhof seien unvergesslich. „Allein für diesen Moment lohnt sich die Mitfahrt.“
Auch die Reaktionen der Fahrgäste sind für ihn immer wieder spannend. Ehemalige Pendler erzählen von ihrer Schulzeit mit dem „Bähnle“. Musikstudenten entdecken begeistert die offenen Plattformen. Familien genießen es, dass sich während der Fahrt die Fenster öffnen lassen. Eisenbahnfreunde reisen teilweise aus ganz Deutschland an. Sie seien, so Ade, „fasziniert davon, dass die historischen, noch im Originalzustand befindlichen und fast 130 Jahre alten Fahrzeuge weiterhin betriebsfähig sind und sogar reguläre Zugleistungen übernehmen.“
Dass all das möglich ist, verdankt das Museum ausschließlich ehrenamtlichem Engagement. Jeden Freitag treffen sich die Vereinsmitglieder zum sogenannten Werkstattfreitag. Dann werden Fahrzeuge gewartet, Reparaturen durchgeführt oder das Museum gepflegt. Vor jeder Fahrt werden die historischen Fahrzeuge sorgfältig vorbereitet und gereinigt. Alle sechs Jahre steht zudem eine aufwendige Hauptuntersuchung an. „Für das kleine Team ist das eine gewaltige Aufgabe“, sagt Ade.
Unterstützung erhält der Verein dabei unter anderem von den Stadtwerken Trossingen, regionalen Fachfirmen und gelegentlich sogar von der Bundeswehr in Donaueschingen. Dennoch leisten die Ehrenamtlichen jedes Jahr mehrere tausend Arbeitsstunden.
Die Herausforderungen bleiben groß. Neben der aufwendigen Wartung historischer Technik müssen immer strengere gesetzliche Vorgaben erfüllt werden. Auch die geplante Elektrifizierung der Strecke beschäftigt den Verein. „Technisch ist das machbar. In der Schweiz wird es seit Jahrzehnten praktiziert. Die Frage ist, wer die Kosten dafür trägt“, sagt Ade.
Die größte Herausforderung sieht er jedoch an anderer Stelle: „Wie in vielen Vereinen ist es nicht immer leicht, ausreichend ehrenamtliche Mitstreiter zu finden.“ Dabei könne sich jeder nach seinen Fähigkeiten einbringen. Für Ade steht fest: „Das Trossinger Bähnle ist ein weltweit einzigartiges technisches Kulturgut, ein funktionsfähiger Dinosaurier des elektrischen Eisenbahnbetriebs.“ Damit dieses besondere Stück Eisenbahngeschichte auch künftig weiterfährt, freut sich der Freundeskreis über jede helfende Hand – ob in der Werkstatt, im Museum, bei der Betreuung der Gäste oder sogar von zu Hause aus.