
Ein rundum gelungener Konzertabend war das Konzert mit TUBONG! am vergangenen Samstagabend im Trossinger Kesselhaus: Neben grandiosen Arrangements vertrauter Musik aus Klassik, Jazz und Pop wurde auf unterhaltsame und kurzweilige Art aus dem Nähkästchen der Radiogeschichte geplaudert. So entstand ein ganz eigenes Konzerterlebnis, irgendwo zwischen einer musikalischen Variante des Fernsehklassikers »Löwenzahn« und inspiriert- handwerklich sauberer Folk-Jazz-Fusion. Kurzum: Für jede und jeden war etwas dabei!
„100 Jahre Radio“ – so lautete die Prämisse für den Ritt durch die Musik- und Mediengeschichte. Gemeinsam mit der Radio-Redakteurin Katrin Zipse gestalteten die Musikerinnen und Musiker des Ensembles TUBONG! eine abwechslungsreiche Zeitreise, beginnend bei den Anfängen des Radios bis hin zur »Goldenen Zeit« des Radios mit prägenden Namen wie J. E. Berendt oder Volker Kriegel. Auf die in loser chronologischer Ordnung aufeinanderfolgenden und von Schlagzeuger Karl Koch pointiert erzählten Anekdoten zur Radiogeschichte (von der Gründung der Firma SABA über Gedanken zu Einsteins Rede bei der Deutschen Funkausstellung 1930 bis hin zu Ausflügen in die Jazz-Ästhetik der 1980er Jahre) folgten immer wieder überraschende und kreativ gesetzte Arrangements verschiedenster Werke. Dieser Reigen wurde gelegentlich von wunderbar passenden, die Anekdoten weiter nährenden lyrischen Intermezzi unterbrochen: kurze Gedichte, mit hörbar souveräner Radiosprecherinnen-Stimme vorgetragen von Katrin Zipse.
Alles außer konventionell – Arrangementkunst vom Feinsten
Vermisste man gelegentlich die dramaturgische Stringenz im Programm – vor allem im dritten Teil des Konzerts war vom eigentlich sehr überzeugenden Zeitreisekonzept nicht mehr viel zu spüren – bestach das hervorragend spielende und miteinander musizierende Ensemble mit geistreichen Arrangements für diese ungewöhnliche Besetzung. Schlagwerklastige Grooves (eine wahre Freude – und bei zwei fähigen Schlagzeugern auch kein Wunder) wurden geschmackvoll ergänzt um teils skurriles Instrumentarium wie etwa eine mittels Luftpumpe zum Borduninstrument umgebaute Shruti-Box, ein zur Trommel umfunktioniertes Banjo oder das überzeugend gespielte Theremin unter den Händen Kochs. Dessen Ensemblemitglieder potenzierten die vom Schlagzeuger und Moderator ausgehende Spielfreude im kurzweiligen, aber doch fast zweieinhalbstündigen Programm. Martin Schäfer brillierte mit sensiblen Gitarrenklängen und virtuosen Sololinien, Tobias Rägle steuerte am tiefen Blech warme Klänge und – wo nötig – ordentlich Schalldruck bei, Joe Kenney erwies sich als kongenialer Partner am Vibraphon oder Drumset und verblüffte nicht selten mit fetzigen Soli und geschmackvollen Begleitklängen zugleich. Der eher grundtönige und warme Klang des Ensembles profitierte ungemein vom Bratschenspiel Laura Jörres (auch an der schwedischen Nyckelharpa zu erleben) sowie von den den Gesamtklang veredelnden Englischhorn-Klängen Ximena Povedas. Es ist keine leichte Aufgabe, aus diesen scheinbar wild kombinierten Instrumenten einen überzeugenden Bandklang zu zaubern – das Konzert im Kesselhaus bewies allerdings, dass dies im Fall von TUBONG! absolut möglich ist. So etwas hat man nur selten gehört. Den absoluten Höhepunkt bildeten gleich zwei Nummern: Einmal Baden Powells Canto de Ossanha das in dieser Besetzung hervorragend zur Geltung kam und den flinken Fingern Schäfers und Jörres ausgesprochen gut stand, sowie eine Art von Melodram, in welchem Zipses Textvortrag einer fiktiven Geschichte über den zeitreisenden Albert Einstein von je passenden Sounds aus der Band unterlegt wurden.
Ja, was denn nun? – Die Frage nach dem Genre
Nach dem dreistündigen Konzertabend mit zwei Pausen bedankte sich das Publikum mit Ovationen und forderte zu Recht eine Zugabe, die dann freilich auch geliefert wurde. Mit all der Musik im Ohr machte man sich erfüllt auf den Heimweg – jedoch auch mit der Frage im Kopf, was für eine Art Konzert man da jetzt miterlebt hat. Der Fokus auf die verjazzten Bearbeitungen von Klassikern der Musikgeschichte (also in der Tat von Werken kanonisierter Komponisten wie Vivaldi, Monteverdi, Händel, Bach und mehr) mit diesem außergewöhnlichen Instrumentarium ist höchst innovativ, macht Spaß und scheint neue Möglichkeiten zu eröffnen. Wenn dann »Good Vibrations« oder andere Pop-Klassiker als Mash-up damit kombiniert werden, ist das ganz schön fordernd für die Ohren, aber auch ungemein unterhaltsam – ein bisschen so, als würde man in einem gut kuratierten Museum blindlings von Raum zu Raum wandeln, ohne vorher die geringste Ahnung zu haben, was einen als Nächstes erwarten mag. Die damit kombinierte und irgendwie referierte Radiogeschichte, die humorvolle Moderation Kochs, schrullige Gags wie etwa die ehemalige Pausenmelodie des SWF, der eigene »TUBONG-Jingle« und die dann plötzlich wieder anspruchsvoll-geistreichen lyrischen Intermezzi vom »Balkon der Offenbarung« (also direkt vom Althohner’schen Dampfaggregat herab) bildeten allesamt eigentümliche Steinchen eines durch und durch gelungenen Mosaiks, das in kein uns bekanntes Genre passt. Man sieht sich hier mit einem kurios-kunstvoll gestalteten Gesamtkunstwerk konfrontiert, das es so kein zweites Mal gibt. Das Experiment, Musik mit Mediengeschichte und Sprache zu verquicken, ist in jedem Fall gelungen und verlangt nach mehr – vielleicht ja nach einer eigenen Radiosendung im SWR?
Adrian T. Brenneisen






