„Frische Luft für die Bläserwelt“ – Gespräch mit Nicholas Daniel über das Windhoek Festival 2026

Nicholas Daniel, Oboist, Dirigent und Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen, ist einer der künstlerischen Leiter des Windhoek Festivals 2026. Das Festival steht unter dem Motto „Fresh Air“ und widmet sich als Zentrum für neue Musik den Blasinstrumenten. Im Interview spricht Daniel über künstlerische Erneuerung, über das Zusammenspiel von Tradition und Zukunft, über die Arbeit mit Komponistinnen und Komponisten und über die besondere Atmosphäre in Trossingen.  

Das Windhoek Festival 2026 steht unter dem Motto „Fresh Air“ und versteht sich als Zentrum für neue Musik für Blasinstrumente. Was bedeutet Ihnen persönlich diese „frische Luft“ – künstlerisch, aber auch im Hinblick auf die Ausbildung der nächsten Generation von Bläserinnen und Bläsern?

Der Gedanke der „frischen Luft“ hat für mich mehrere Ebenen. Zum einen natürlich ganz wörtlich – wir alle bringen durch unsere Atemluft die Instrumente zum Klingen. Doch darüber hinaus steht „Fresh Air“ sinnbildlich für Erneuerung, Offenheit und die Bereitschaft, in die Zukunft zu schauen.
Wir bringen die neueste Musik nach Trossingen, in eine Umgebung von großer historischer Bedeutung für die Musik. Auch die Hochschule selbst ist ein Ort mit einer langen Geschichte. Aber: Wenn wir uns nicht mit der Musik der lebenden Komponistinnen und Komponisten beschäftigen, wird alles langsam unbeweglich, fast „versteinert“.  Für mich bedeutet „frische Luft“ also auch, frischen Wind durch das Repertoire wehen zu lassen – uns nicht auf Bach, Beethoven oder Mozart zu beschränken, sondern den Blick bewusst nach vorne zu richten.  

In Trossingen sind Sie Teil eines internationalen Kollegiums, dessen Zusammensetzung von Spezialistinnen und Spezialisten der historischen Aufführungspraxis bis hin zu führenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik reicht. Was macht für Sie diese Konstellation und die Atmosphäre hier aus?

Das ist tatsächlich eine faszinierende Kombination: Alte Musik und die neueste Musik gehen hier Hand in Hand, und das schon seit längerer Zeit. Trossingen war berühmt für seine Abteilung für Alte Musik – und ich denke, sie wird es auch wieder sein.
Gleichzeitig haben wir innerhalb des Kollegiums für Blasinstrumente Kolleginnen und Kollegen, die sich stark für die zeitgenössische Musik engagieren. Viele von uns spielen regelmäßig neue Werke. Ich blicke gerade auf meine eigene Notenbibliothek – darin befinden sich wahrscheinlich mehr als zweihundert Stücke, die speziell für mich geschrieben wurden: kein reines Konzertrepertoire, vielmehr eine große Bandbreite – Konzerte, Sonaten, Kammermusik, Werke für Bläserensemble und Solostücke.
Darauf bin ich sehr stolz. Wir alle sind natürlich Teil unserer Vergangenheit, aber wenn wir uns nicht damit beschäftigen, wer und was wir in der Zukunft sein wollen, bleibt künstlerische Entwicklung aus. Es genügt nicht, auf der Vergangenheit sitzen zu bleiben – wir sollten sie wertschätzen und bewahren, aber zugleich an einer spannenden Zukunft arbeiten.  .  

Interviewpartner Nicholas Daniel.

Im Mittelpunkt des Festivals stehen die beiden Komponisten Nina Šenk und Philippe Hersant – zwei sehr unterschiedliche künstlerische Persönlichkeiten. Wie erleben Sie dieses Spektrum, und was können Studierende und Publikum daraus über das heutige Bläserrepertoire lernen?

Beide Komponisten sind sehr verschieden – in Persönlichkeit, Alter, Herkunft und natürlich auch in ihrer Klangsprache. Und gerade das macht es interessant. Nina Šenk und Philippe Hersant eint ihre besondere Beziehung zu Blasinstrumenten. Bei Nina Šenk ist das zum Teil auch eine Frage ihres musikalischen Erbes, doch auch Hersant steht in einer langen französischen Tradition: Seit Rameau haben französische Komponisten großartig für Blasinstrumente geschrieben. Viele der Instrumente selbst – Oboe, Flöte, Fagott und besonders die Klarinette – wurden in Frankreich in ihrer modernen Form entwickelt. Die französische Schreibweise für Blasinstrumente hat eine besondere „sprechende“ Qualität, und Philippe Hersant ist darin tief verwurzelt. Nina Šenk wiederum gehört zu den aufregendsten und interessantesten Komponistinnen ihrer Generation. Es ist von großer Bedeutung, dass wir beim Festival verschiedene Generationen und selbstverständlich auch Geschlechter repräsentiert sehen. Beide Komponisten verbindet ihre Liebe zu Blasinstrumenten – und gleichzeitig stehen sie für unterschiedliche Länder und kulturelle Hintergründe. Dadurch entsteht ein spannender Kontrast, den unser Publikum unmittelbar erfahren kann.

Das Festival vereint Konzerte, Workshops, Komponistengespräche und eine offene Probe für „young curious ears“. Welcher Gedanke liegt dieser Struktur zugrunde?

Das Hauptanliegen ist, zu zeigen, dass wir – die Musikhochschule Trossingen – fest daran glauben, dass die Zukunft der Blasinstrumente in der Musik liegt, die gerade entsteht oder demnächst geschrieben wird. Deshalb ist es uns so wichtig, die Komponistinnen und Komponisten persönlich nach Trossingen einzuladen. Nur so entsteht echte Authentizität: Wenn wir direkt von ihnen erfahren, was sie mit einem Werk ausdrücken wollen, prägt das die Interpretation nachhaltig. Unsere bisherigen Gäste haben gezeigt, wie stark dieser Austausch wirkt: Studierende, die in Prüfungen oder Konzerten neue Werke aufführten, taten das mit einem tiefen Verständnis für die Musik – schlicht, weil sie die Perspektive der Komponierenden aus erster Hand kannten.
So entsteht der Gedanke hinter dem Festival: Trossingen soll nicht nur ein „windy corner“, also ein abgelegener Ort, sein, sondern ein Zentrum der Exzellenz für neue Musik. Diese Stärke kommt aus der Haltung und Erfahrung der Lehrenden, die für zeitgenössische Musik brennen – und sie mit der Welt teilen möchten

Die Studierenden sind beim Festival direkt eingebunden – als Interpretinnen und Interpreten, aber auch durch neue Werke aus der Kompositionsklasse. Was erhoffen Sie sich davon für sie?

Das unmittelbare Arbeiten mit den Komponistinnen und Komponisten eröffnet den Studierenden einen Zugang zur Musik, der über das Notenbild hinausgeht. Jede Komponistin, jeder Komponist bemüht sich, die eigenen Absichten so genau wie möglich auf Papier zu bringen – und dennoch bleibt die Partitur immer ein Stück weit rätselhaft, fast wie eine Hieroglyphe. Die wahre Bedeutung offenbart sich häufig erst im Gespräch. Wenn ein Komponist oder eine Komponistin über die Ideen und die Poesie eines Werks spricht, wächst das Verständnis enorm – weit über das hinaus, was ein Titel oder eine Spielanweisung vermitteln kann. Wir haben das sehr deutlich bei unserer Arbeit mit der finnischen Komponistin Outi Tarkiainen erlebt, die im vergangenen Jahr zu Gast war. Ihre Erklärungen unterschieden sich oft grundlegend von dem, was wir zunächst aus den Titeln herausgelesen hatten – und sie haben unseren Zugang zu ihrer Musik wesentlich vertieft.
Es ist wunderbar, dass unsere Studierenden die Möglichkeit haben, direkt mit den Komponierenden zu arbeiten.

Sie sind international tätig, aber auch stark mit bestimmten Regionen verbunden – nicht zuletzt mit dem Vereinigten Königreich. Was kann eine Region wie der Schwarzwald oder die Baar-Heuberg-Region zu einer lebendigen, zeitgenössischen Bläserkultur beitragen?

Trossingen ist für mich das Zentrum meiner Arbeit. Natürlich sind wir international aktiv, doch Trossingen ist unsere Basis, unser Zuhause. Man kann sich das bildlich wie ein Kraftwerk vorstellen: Die Energie fließt von uns Lehrenden zu den Studierenden, von dort weiter hinaus in die Welt – und auch wieder zurück.
Trossingen ist ein außergewöhnlicher Arbeitsort: Die Umgebung ist still, die Luft sauber, und gleichzeitig ist der Ort erstaunlich international. Studierende aus aller Welt kommen hier zusammen. Diese Mischung aus Ruhe und Vielfalt schafft ideale Voraussetzungen für konzentriertes Üben, für tiefes Arbeiten und Forschen.
Gerade weil die Atmosphäre so ruhig ist, bietet sie Raum für die Bewältigung der oft komplexen zeitgenössischen Werke. So entsteht eine lebendige, gegenwärtige Kultur des Bläserspiels, die in dieser Form nur hier gedeihen kann.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten: Was sollte vom Windhoek Festival 2026 langfristig bleiben – in Ihrem eigenen künstlerischen Schaffen, im Repertoire und vielleicht auch in der Wahrnehmung Trossingens?

Ich wünsche mir, dass international stärker wahrgenommen wird, wie bedeutend die Arbeit ist, die wir hier leisten. Wir holen große Komponistinnen und Komponisten nach Trossingen, bringen neue Werke zur Uraufführung, spielen Stücke erneut, die bislang nur selten gehört wurden, und beziehen unsere Studierenden direkt in diesen Prozess ein.
Das halte ich für entscheidend. Und es ist großartig, dass wir als Lehrende gemeinsam mit unseren Studierenden musizieren. Wir lernen voneinander – und das macht die Erfahrung für alle Beteiligten so positiv und nachhaltig.

Das Interview mit Prof. Nicholas Daniel führte Adrian T. Brenneisen.

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