Ludwig Wilhelm: Ein Lehrer, der Trossingens Geschichte bewahrte

Ludwig Wilhelm

Wer heute am Gauger unterwegs ist und den Lehrer-Wilhelm-Weg entlanggeht, begegnet ganz nebenbei einem Stück Trossinger Geschichte. Der Name erinnert an Oberlehrer Ludwig Wilhelm, der von 1903 bis 1927 als Lehrer in Trossingen tätig war und sich in dieser Zeit weit über seinen Beruf hinaus für seine Wahlheimat engagierte. Geboren wurde Wilhelm 1867 in Weilstetten bei Balingen, nach Trossingen kam er erst als bereits ausgebildeter Lehrer. Dennoch entwickelte er eine enge Verbindung zur Stadt, ihrer Landschaft und vor allem zu den Menschen, deren Erinnerungen und Geschichten ihn zeitlebens beschäftigten.

Und heute? Da ist es Lehrer Wilhelm selbst, der den einen oder anderen Trossinger beschäftigt. Walter Haas zum Beispiel, der vor einigen Jahren damit begann, über Ludwig Wilhelm nachzuforschen. „Für Trossingen war er sehr wichtig: Durch seine Forschungen hat er der Stadt ein Stück weit ihre Identität gegeben“, sagt Walter Haas. „Er sollte nicht in Vergessenheit geraten.“ Zum 85. Todestag Wilhelms schrieb Haas einen Zeitungsbeitrag – und vor rund zwei Jahren traf er ganz zufällig Verwandte Wilhelms am Gauger, die auf der Suche nach dessen Gedenkstein waren. Bei diesem handelt es sich übrigens um den Grabstein des Lehrers, der bis 1967 auf dem Friedhof in Weilstetten dessen Grab markierte. Wilhelms Tochter habe sich gewünscht und veranlasst, dass der Grabstein nach Trossingen kam, erzählt Walter Haas. Im selben Jahr wurde der Lehrer-Wilhelm-Weg nach ihm benannt.

Denn anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahr 1967 erinnerte die Trossinger Bürgerschaft an den engagierten Lehrer. Im Schatten der von ihm gepflanzten Bäume wurde der Gedenkstein aufgestellt und zugleich der Weg zwischen dem heutigen Kolpingheim und der Alten Steige beziehungsweise der Trosselbachbrücke nach ihm benannt. So ist sein Name bis heute mit jenem Ort verbunden, an dem er einst selbst Hand anlegte und die Landschaft nachhaltig prägte.

Der Gedenkstein ist tatsächlich der Grabstein des Lehrers, der auf dem Friedhof Weilstetten stand.

Der Gedenkstein ist tatsächlich der Grabstein des Lehrers, der auf dem Friedhof Weilstetten stand.

Denn Wilhelm war besonders eng verbunden mit der Natur. Auf dem damals weitgehend kahlen Gauger, der als Schafweide genutzt wurde, pflanzte er zahlreiche Bäume und schuf damit nach und nach einen bewaldeten Hügel, der sich zu einem kleinen Vogelparadies entwickelte. Seine Begeisterung für die Natur gab er auch an seine Schüler weiter, denen er nicht nur Wissen vermitteln, sondern zugleich einen aufmerksamen Blick für die heimische Umgebung mitgeben wollte. Was damals mit dem Pflanzen einzelner Bäume begann, ist heute ein sichtbares Stück seines Vermächtnisses.

Noch wichtiger für die Nachwelt wurde jedoch seine Arbeit als Heimatforscher. Wilhelm wollte seinen Schülern einen fundierten Heimatkundeunterricht ermöglichen, stieß dabei aber auf ein Problem: Über die Geschichte Trossingens gab es nur wenige geeignete Unterlagen. Deshalb begann er selbst zu sammeln und zu dokumentieren. Er befragte zahlreiche Einwohner, notierte ihre mündlichen Überlieferungen und trug historische Dokumente zusammen. Mit seiner Plattenkamera hielt er zudem vieles fotografisch fest, was ihm für die Geschichte des Ortes bedeutsam erschien. Eine seine Aufnahmen kann man heute übrigens im Museum Auberlehaus anschauen, wo sich seit wenigen Monaten eine neue Fotografie-Dauerausstellung befindet.

Damit bewahrte Wilhelm nicht nur schriftliche Quellen, sondern auch die Erinnerungen der Menschen. Gerade diese persönlichen Erzählungen machen seine Arbeit bis heute wertvoll, denn sie geben Einblick in ein Trossingen, das längst vergangen ist. Sein Interesse galt dabei nicht allein großen historischen Ereignissen, sondern ebenso dem Alltag, den Menschen und den Veränderungen, die er in seiner Umgebung wahrnahm.

Die Ergebnisse seiner jahrelangen Arbeit veröffentlichte Ludwig Wilhelm 1927, im Jahr der Stadterhebung Trossingens, in seinem Heimatbuch „Unsere Trossinger Heimat“ – auf Anstoß des Fabrikantenehepaars Wilhelm und Mina Hohner. Das Buch wurde zu einem wichtigen Zeugnis der damaligen Stadtgeschichte und bündelte das Wissen, das er über viele Jahre zusammengetragen hatte. „Als es gedruckt wurde, war es in fast jedem Trossinger Haushalt zu finden“, sagt Walter Haas. 1973 wurde es nachgedruckt. Für Wilhelm war Heimatgeschichte offenbar mehr als das Bewahren alter Dokumente: Sie bedeutete, die eigene Umgebung kennenzulernen, den Erzählungen der Menschen zuzuhören und das Erlebte für kommende Generationen festzuhalten.

Der Lehrer-Wilhelm-Weg am Gauger ist nach ihm benannt.

Der Lehrer-Wilhelm-Weg am Gauger ist nach ihm benannt.

Bemerkenswert bleibt dabei, dass Wilhelm selbst kein gebürtiger Trossinger war. Als „Reingeschmeckter“ kam er von außerhalb und wurde dennoch zu einem der Menschen, die sich besonders intensiv mit der Geschichte der Stadt beschäftigten. Vielleicht war es gerade sein Blick von außen, der ihn vieles bewusster wahrnehmen ließ. Während manches für die Einheimischen selbstverständlich gewesen sein mochte, fragte Wilhelm nach, sammelte und schrieb auf – und schuf damit Quellen, die sonst womöglich verloren gegangen wären.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst im Jahr 1927 zog sich Wilhelm in den Ruhestand zurück und verbrachte seine letzten Lebensjahre in Konstanz, wo er 1936 starb. In Trossingen aber sind seine Spuren geblieben: in den Bäumen auf dem Gauger, im Gedenkstein und vor allem in den Erinnerungen und Aufzeichnungen, die er hinterlassen hat.

Der Lehrer-Wilhelm-Weg erinnert deshalb nicht nur an einen ehemaligen Pädagogen, sondern an einen Menschen, der seine Wahlheimat mit großer Aufmerksamkeit betrachtete und ihr etwas zurückgeben wollte. Ludwig Wilhelm sammelte Geschichten, bewahrte Erinnerungen, fotografierte seine Umgebung und pflanzte Bäume, die lange nach ihm weiterwuchsen. Sein Lebenswerk zeigt auf besondere Weise, wie Heimatgeschichte entsteht: Durch Menschen, die neugierig bleiben, zuhören und das, was sie vorfinden, für andere bewahren.

„Unsere Trossinger Heimat“ ist im Trossinger Bürgerbüro erhältlich. Wer mehr über Lehrer Wilhelm selbst lesen will, findet auch im Trossinger Jahrbuch von 2022 einen ausführlichen Beitrag von Karl Martin Ruff.

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