Das Neujahrskonzert der Schulmusik 2026 – »Sterben, um zu leben?«

Was als »gewöhnliches« Neujahrskonzert beginnt, entwickelt sich mit einem – wortwörtlichen – Schlag zu einem heiter-komischen Kriminalfall, der letztlich durch gute Ideen und Kombinationsgabe gelöst werden kann. Eine Moral gibt’s dann am Ende der Detektivgeschichte auch: Schulmusikstudierende sind zwar »ein komisches Völkchen«, leben jedoch ihren Traum und stiften Hoffnung und Gutes für die Welt – der Musik sei Dank.

Kaum nötig, etwas über die mehrere Jahrzehnte alte Tradition der Trossinger Schulmusikkonzerte zu schreiben, bilden die beiden Abende im Januar doch seit langer Zeit schon einen musikalischen Höhepunkt im Kulturkalender der Musikstadt. Was als Plattform für Schulmusikstudierende, die »seriöse Musik« präsentieren wollten, begann, entwickelte sich rasch zu einem abwechslungsreichen und zuweilen höchst vergnüglichen Potpourri, bei welchem Unerhörtes, Komisches, Surreales und Hochvirtuoses präsentiert werden kann, das im Rahmen der gewöhnlichen Vortragsabende keinen Platz finden würde. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich das Varieté-hafte hin zu einem musik-dramatischen Gesamtkonzept entwickelt, sodass eine zugrundeliegende Rahmenhandlung durch das Programm führt und so die Basis schafft für die doch sehr verschiedenen Teilbeiträge der Schulmusiker:innen. Dieses Prinzip wurde auch im Jahr 2026 weiterverfolgt, und zwar in Form einer mit augenzwinkernder Ironie erzählten Kriminalgeschichte à la Agatha Christie oder Edgar Allan Poe: Mord im Konzertsaal also! Als Konzertbesucher wurde man Zeuge der Generalprobe, die (darauf verwies also die mirakulöse Konzertankündigung »ein ganz normales Neujahrskonzert!«) dem Todesopfer sei Dank ganz schön durcheinander gerät und vom kongenialen Ermittler-Team Agatha Counterpoint (überzeugend und mit Spaß gespielt von Pia Schreiweis) und ihrem Assistenten Arthur C. Dorian schließlich gewissermaßen gerettet wird. Der Weg zur Lösung des Falls ist verworren und vor allem ein langer – wie gut, dass die die Ermittlungen begleitenden Beiträge, die jeweils neue Verdachtsmomente aufwerfen oder auch klären, von gewohnt guter bis sehr guter Qualität waren und die hervorragend spielende Band (souverän geleitet von David Steiner) die einer Musikhochschule dann auch gerecht werdenden musikalischen Höhepunkte beisteuerte.

Von Sherlock bis »Clue«, von Bach bis »Hairspray«

Die beiden Konzerthälften profitierten ungemein von der Vielseitigkeit der Beiträge, die vom Sketch über den »Oma-Trick« über musikalisch-balladeske Ausflüge in die Abgründe der Trossinger Döner-Szene zwecks Nahrungsbeschaffung (grandios: Joel Mutschler und Marc Bungeroth) bis hin zu extravaganten und durch die Bank beeindruckenden Musical-Szenen (Choreografie: Anna Peter) reichten. Es gehört ja zum guten Ton der Neujahrskonzerte, dass auch beim zweiten Konzertabend nicht jeder Textbaustein (obschon das Spiel mit Zitaten aus der Krimi-Literatur für Lacher sorgen konnte), nicht jeder Gag an der richtigen Stelle landet und auch beim Schauspielerischen so manches Potenzial ungenutzt bleibt: Das tut dem Ganzen jedoch keinen Abbruch und macht die Traditionsveranstaltung irgendwie erst so richtig liebenswert. Was im diesjährigen Konzert jedoch nur selten zu sehen war, sind Beiträge, die staunende Begeisterung auslösen konnten. Wirklich Neues war allerdings kaum zu verzeichnen, zur (Hochschul-)Politik fand sich kaum ein bissiger Kommentar, manche der rein musikalischen Nummern hätten durchaus mehr Proben vertragen können, um an die Konzerte der Vorjahre anschließen zu können. Beiträge wie das Trio Laura Flaig (Mundharmonika), Roni Salomons (Klarinette) und Patrizia Wall (Klavier), das auf hohem Niveau Kammermusik für diese illustre Besetzung präsentierte, stachen umso deutlicher hervor, ebenso die (jedes Jahr überzeugenden) Damen- und Männerchorszenen, die heuer beide auf den Spuren der Begräbnismusik wandelten.

Requiem æternam – Düster-makabres und ein gewagter Leichenschmaus

Der »Chor der Witwen« sorgte für stimmungsvolle Momente im Konzertsaal. Von zwei Seiten den gregorianische Requiems-Introitus singend den Saal betretend, gelang es den Schulmusiker:innen unter der Leitung von Maja Seidl den Zuschauerraum ganz für sich einzunehmen. Die beiden weiteren Stücke, darunter das aparte »Wie lieblich sind deine Wohnungen« von J.G. Rheinberger, wurden ebenso solide musiziert und stellten einmal mehr unter Beweis, welch großes Pfund die hfm Trossingen mit der Chormusik hat: Was hier rein studentisch erarbeitet wird, ist an manch anderer Hochschule nicht mal mit Unterstützung der Professoren möglich. Diesen Eindruck bestärkte der Auftritt des Männerchors weiter. Das vom kurz darauf als Mörder entlarvten »Hugh Stapler« (überzeugend gespielt von Philipp Schulz) geleitete Ensemble glänzte mit sattem Männerchorklang und musikalischem Vortrag. Die daneben, bzw. als Anlass für die Stücke inszenierte Trauerfeier für den ermordeten Todd Ermann (Emil Sporrer) war indes deftig und dürfte für zarte Gemüter durchaus die Grenzen des guten Geschmacks gerissen haben: Ein gnadenloser Nachruf, die plötzlich erwachende Leiche und pfeffrige Kommentaren (»er war fett und hässlich«) rüttelten zumindest gegen Ende des Konzerts mit plötzlich mutigem Text und derbem szenischen Spiel wach.

Der an den Leichenschmaus des Männerchores mit obligatorischem Biertrinken anschließende »Showdown« im »Clue«-Stil war aus schauspielerischer Sicht ein weiterer Höhepunkt. Die spannungsvolle szenische Umsetzung der Überführung des Täters samt Beweisvideo machte die logischen Schwächen und Längen der Storyline vergessen und führte zu einem abermals überzeugenden Musical-Finale: »You can’t stop the beat« wurde da gesungen, gespielt und getanzt – und damit auch die Moral des kurzweiligen und launigen Abends wiederholt, denn selbst ein Mordfall kann die Trossinger Schulmusiker:innen nicht daran hindern, Musik in die Welt zu tragen – und das mit sichtlicher Freude.

Adrian T. Brenneisen

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