Jazz/Pop-Semesterabschluss im Kesselhaus – Sommervibes und Salsa-Grooves

Man meint, es wäre erst gestern gewesen, dass die jungen Nachwuchs-Jazz/Pop-Musiker:innen der gleichnamigen Abteilung in der Trossinger Musikhochschule beim Wintersemester-Abschlusskonzert das Trossinger Kesselhaus auf musikalische Hochtouren gebracht hatten – tatsächlich lag schon wieder ein ganzes Semester hinter den Combos, Bands und Vokalensembles, welches sie auch allesamt hörbar intensiv zur Vorbereitung des sommerlichen Konzerts und der Prüfungen genutzt haben.

Das bewährte Konzept glückte auch dieses Mal und führte zu einem wunderbaren und musikalisch recht vielseitigen Abend, der zwar einmal mehr ganz ohne „Jazz“ im engeren Sinne auskommen musste, dafür jedoch viele Seitenblicke in den Folk, Surf-Rock, Rock’n’Roll gewährte und schließlich mit einem mitreißenden Salsa-Finale endete.

„Crazy“ Sommermusik und die Sehnsucht nach  Süden

Professor Tobias Hoffmann führte durch den Abend, überbrückte gewohnt gewitzt und anekdotisch die kurzen Umbaupausen auf der Bühne und bemerkte, sichtbar glücklich über diesen Umstand, dass das Konzertprogramm doch ganz im Zeichen des Sommers stehe und dazu einlade, sich ganz der coolen, beschwingten und irgendwie nach Strand und Sonne klingenden Musik zu überlassen.

Den Anfang machte – ganz nach Tradition – die „Name a Song-Combo“, die stets mit sehr diversem Programm in den Abend einführen darf und den Studierenden zudem die Möglichkeit gibt, sich auf Zweit-, Dritt- oder Viertinstrumenten zu versuchen: Instrumenten also, die noch weniger akademisch im Rahmen des Studiums erschlossen sind und also mehr als experimentelle, klangforschende Spielwiese taugen können. Mit Spielwiese hatten die drei Songs dann allerdings wenig zu tun. Billie Eilishs „Billie Bossa Nova“ kam ebenso überzeugend rüber wie der Alltime-Klassiker „Crazy“ von Gnarls Barkley. Lediglich der vorsichtige Blick ins RealBook, jene legendäre Sammlung der kanonisierten Jazz-Standards des 20. Jahrhunderts, wirkte etwas unbeholfen und allzu zaghaft: „There will never be another you“ klang hier mehr nach Verzweiflungstat als nach offenherziger Liebeserklärung. Schwamm drüber, der Konzertstart glückte und ließ weiter Vorfreude auf die noch folgenden Bands aufkommen.

„The day the music died“ – Ritchie Valens und die Wiege des Rock’n’Roll

Mit der Ritchie-Valens-Combo ging es urplötzlich satte 70 Jahre in der Zeit zurück. Der US-Amerikanische Musiker war seinerzeit ein Wegbereiter des Rock’n’Roll, kam jedoch bei einem Flugzeugabsturz 1959 ums Leben – gemeinsam mit seinen Tourkollegen Buddy Hollie und The Big Bopper. Der damals gerade erst siebzehnjährige Musiker ließ zwei Platten sensationeller Musik zurück und geriet nach und nach ein bisschen in Vergessenheit. Nicht jedoch in Trossingen: Die Studierenden nahmen sich unter dem Coaching von Tobias Hoffmann Valens‘ Musik an brachten das Publikum des Kesselhauses damit regelrecht in Verzückung. „Boney Malone“ und „That’s my little Suzie“ verströmten gutgelaunte Retro-Vibes, spätestens mit „La Bamba“, dem großen Hit von Valens, war dann auch die letzte publikumsseitige Zurückhaltung überwunden – man tobte vor Glück. Insbesondere der Gitarrensound war wieder einmal auf den Punkt, die guten Vocals taten ihr Übriges – hier hätte man gern noch mehr gehört.

Vor der Pause dann brachte die „Contemporary Folk-Combo“ das kräftig aufgeheizte Kesselhaus wieder etwas „runter“. Kammermusikalisch auf hohem Niveau, kommunikativ und mit sichtbarer Spielfreude erklangen drei Songs fernab des Mainstreams. Ein Höhepunkt hierbei war sicherlich Emma Harners Ballade „Woman of the hour“: Ein Song mit Sogwirkung, der kreativ und überzeugend umgesetzt wurde.

Als kleines Intermezzo schob sich dann noch Paul Danners Combo ein. Danner hatte tags zuvor seine Masterprüfung abgelegt und präsentierte sich mit seiner Band nochmals öffentlich mit dem Cover der ScaryPockets-Version von Vanessa Carltons „Thousand Miles“. Groovig, schmissig, ein klassischer Rausschmeißer zur Halbzeitpause.

Sommer, Sonne, Kaktus? Improvisation und Wellenreiter

Nach der Pause zurück im tropischen Inneren, erwartete die neu unter der Leitung von Sinnika Kimmich stehende VocalCombo und der ebenfalls von Kimmich übernommene JazzPopchor die Zuhörerschaft. Mit einer beeindruckenden Improvisation, die von den Sänger:innen mit Methoden des Vocal-Paintings selbst organisiert und „alla mente“ ausgeführt wurde, begann die zweite Konzerthälfte furios. Der JazzPopchor büßte im Vergleich zum Vorsemester wieder etwas an Ausdrucks- und Überzeugungskraft ein, präsentierte sich dennoch insgesamt stimmig; hoffentlich kehrt hier endlich wieder Ruhe ein, drei Chorleiter:innen in drei Semestern, das sorgt nicht zwingend für Konstanz in der musikalischen Arbeit. Entsprechend hörbar auch die Luft nach oben: Weshalb Kimmich auf aktive Chorleitung verzichtete, bleibt unverständlich, ebenso ist ein einzelner, wenn auch passabel erarbeiter Song („Unholy“ von Sam Smith) nach wie vor eine magere Ausbeute für ein ganzes Semester Chorarbeit. Wir sind gespannt auf die kommenden Konzerte!

Dann hieß es nochmals Gitarrenmucke: Die Surf-Combo präsentierte drei Songs aus einer ganz ähnlichen Zeit, wie die Nummern der Ritchie-Valens-Crew, nur etwas moderner und ganz ohne Gesang. Spielfertigkeit, druckvolles Feeling und eine sensationell coole Stimmung (samt Hawaii-Blumenketten, Sonnenbrillen und einem halben Surfbrett) – das machte Spaß, die „Welle“ rollte und jede:r wurde zum Mitsurfer. Mit Miserlou, dem berühmten Soundtrack von „Pulp Fiction“, verabschiedeten sich die Wellenreiter und machten Platz für den grandiosen Abschluss des Abends, Thomas Försters „Salsa-Combo“.

Gute Laune hoch drei war angesagt, vom Salsa-Percussion-Zug auf die Bühne bis hin zur ausufernd großen und mitreißend-groovigen Mega-Combo, die die räumlichen Kapazitäten der Kesselhausbühne auszureizen drohte war Alles geboten.
Mit „Yo no se mañana“ endete der hochmusikalische Abend: Nein, man „weiß nicht, was morgen kommt“,  bei derart guter Unterhaltung und handwerklich feiner Musik braucht das aber auch gar nicht zu interessieren! Zumindest nicht während des knapp dreistündigen Konzerts im Trossinger Kesselhaus.

-Adrian T. Brenneisen

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