
À la française: Ein Streifzug durch die französische Musikgeschichte
Unter dem Motto »À la française« widmete sich das Hochschulsinfonieorchester bei insgesamt drei Konzerten in der Region der Musik französischer Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Neben dem Hauptwerk, den Drei sinfonischen Skizzen „La Mer“ von Claude Debussy, erklangen das berühmt-berüchtigte Konzert für Klarinette von Jean Françaix, Gabriel Faurés Pavane und das rhapsodische Charakterstück España von Emmanuel Chabrier. Das Konzert im sehr gut besuchten Saal der Musikhochschule markierte das Ende der kleinen Konzertreihe mit diesem Programm und war zugleich öffentliche Masterabschlussprüfung des Studenten von Prof. Sebastian Tewinkel, Alexander Schirmer – doch dazu später mehr.
Ein Programm durch zwei Jahrhunderte
In gewohnt erhellender und charmanter Art gab Dirigent und Orchesterleitungsprofessor Sebastian Tewinkel eine kurze Einführung in das Programm und gewährte dem Publikum Einblick in die Entstehung des Programms, das weniger am Reißbrett konzipiert als vielmehr nach und nach entwickelt wurde: »Am Anfang stand La Mer als Hauptwerk fest. Dann haben wir uns nach einem hochschulinternen Auswahlverfahren für die fantastische Klarinettistin Shen-Chieh Liu entschieden, die sich mit dem Klarinettenkonzert von Françaix vorgestellt hatte. Da war das Programm schon recht französisch, sodass wir mit weiteren Werken französischer Komponisten ergänzt haben.«
In der Tat gab das Konzert dann auch einen umfangreichen Einblick in die französische Kompositionsgeschichte ab 1883 und verdeutlichte zugleich, dass es die französische Musik gar nicht gibt. So sehr wie kaum ein anderes Land brachte Frankreich Komponistinnen und Komponisten hervor, die bei der Suche nach einem eigenen Klang Inspiration und Vorbilder in fremden Kulturen suchten. Beginnend bei der Begeisterung für volkstümliche Musik der iberischen Halbinsel (Chabrier) und einer eigentümlichen Rückbesinnung auf die eigene musikalische Vergangenheit in Form von Evokationen höfischer Tänze (Fauré), weiter über eindeutig fernöstliche Klänge mit Pentatonik, vertrackter Rhythmik und fabelhaft farbigen Orchestrierungen (Debussy) bis hin zu einer fast schon globalisierten Musik mit transatlantischen Einflüssen des Jazz und einer entsprechend völlig anders klingenden Musizierpraxis (Françaix) erlebte man im Konzert einen großen Ausschnitt des per se irreführenden Paradigmas »Französische Musik«.
Chabriers España: Ein klangprächtiger Auftakt
Der Reigen begann mit dem klangprächtigen España von Emmanuel Chabrier. Das 1883 uraufgeführte Stück ist ein bekanntes Beispiel für den im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts verbreiteten Trend, das Urtümliche in der Musik zu suchen und sich dabei vor allem von den spanischen Nachbarn inspirieren zu lassen. Dieser sogenannte Iberismus führte auch zu Werken wie etwa Georges Bizets Carmen und bildet einen Ausgangspunkt in der Entwicklung der französischen Musik. Entsprechend vielseitig und schillernd waren die Klangfarben, die die Musikerinnen und Musiker im Orchester der Musikhochschule entstehen ließen. Tewinkels Dirigat überzeugte einmal mehr durch Aufgeräumtheit und klare Linienführung, wobei ein bisschen mehr Fantasie bei Agogik und Phrasierung schön gewesen wäre. Trotz kultivierten Streicherklangs und präziser, kräftiger, aber stets ausgewogener Bläser wirkte das Eröffnungswerk ein bisschen zu kontrolliert und gehalten – eine vielleicht eher deutsch-französische Lesart der spanischen Musik, die dennoch sehr viel Spaß bereitete und schön auf den Abend einstimmte.
Françaix’ Klarinettenkonzert: Gefürchtete Virtuosität wird zu brillanter Leichtigkeit
Den geheimen Höhepunkt des Abends bildete das sich anschließende Concerto pour Clarinette et Orchestre von Jean Françaix. 1967/68 komponiert, bildete das Werk einen anregenden Gegenpol zu Chabriers romantisierender Spanienbegeisterung. Françaix’ Konzert gilt als eines der virtuosesten und anspruchsvollsten Stücke für Klarinette – Shen-Chieh Liu bewältigte diese Herausforderung in beeindruckender Art und Weise. Die rhythmisch extrem anspruchsvollen Passagen, die schwindelerregenden Läufe und die diffizilen Schattierungen in Dynamik und Tongebung meisterte Liu derart elegant, dass das Werk in der Trossinger Aufführung keinerlei Schwierigkeit vermittelte und man als Zuhörerin oder Zuhörer voll und ganz in die eigene, spannende Klangsprache Françaix’ eintauchen konnte.
Das Orchester unter Tewinkel begleitete schön, ausgewogen und unprätentiös. Gerade in den schnellen Ecksätzen hatten die Musikerinnen und Musiker gelegentlich Mühe, mit dem Spiel der Solistin mitzuhalten, sodass es zu manchen rhythmischen Unschärfen kam, die allerdings nicht weiter ins Gewicht fielen. Der zweite Satz, ein süffiges Scherzando, nimmt den Walzer persiflierend aufs Korn und lässt Orchester und Solistin nur so vor sich hin torkeln. Was für die Zuhörenden ein großer Spaß war, bedurfte im Orchester absoluter Konzentration: Souverän gespielte Echoeffekte zwischen Solistin und Holzbläsern, gute Intonation in den einzelnen Stimmgruppen und die oft hörbare Begeisterung für die vom Jazz geprägte Harmonik machten den Satz zum Höhepunkt des Werks. Auch hier verblüffte Liu mit immerzu leicht erscheinender Virtuosität. Das Konzert wurde so zu einem vielversprechenden Aushängeschild der Ausbildung junger Musikerinnen und Musiker in Trossingen und lässt auf eine erfolgreiche Karriere der Konzertexamens-Studentin aus der Klasse Chen Halevis hoffen.
Faurés Pavane: Intimität und Poesie
Nach lang anhaltendem und wohlverdientem Applaus und der nachfolgenden Pause wechselte Tewinkel in die Rolle des Zuhörers und gab den Dirigierstab an seinen Studenten Alexander Schirmer weiter, der die zweite Hälfte des Konzerts im Rahmen seiner Abschlussprüfung dirigierte. Mit Gabriel Faurés Pavane fis-Moll begann dieser Konzertteil mit intimen Klangwelten, einem deutlich verkleinerten Orchester und einer doch hörbar anders fokussierten musikalischen Gestaltung. Vernahm man zwar einerseits deutliche Spuren der Ausbildung bei Prof. Tewinkel, gelang es Schirmer dennoch, ein eigenständiges musikalisches Bild zu entwerfen. Schlanker, runder Orchesterklang mischte sich wohlklingend mit etwas mutigerer Agogik, sodass Faurés bekanntes Werk in einer berührenden Fassung erklingen konnte. Die Musikerinnen und Musiker im Orchester schienen zudem mehr involviert zu sein, strahlten etwas mehr Spielfreude aus und erzeugten so einen noch farbigeren Klang als unter dem Dirigat Tewinkels, der dafür an manchen Stellen etwas balancierter hätte sein können.
Debussys La Mer: Ein überzeugendes Finale
Dieser Eindruck setzte sich in Debussys mächtigem, kaleidoskopartigem La Mer fort. Jetzt wieder in großer sinfonischer Besetzung – mit einigen Zukäufen externer Musikerinnen und Musiker – entstanden auf sehr überzeugende Art und Weise ganze Klangwelten, durch die Schirmer das Orchester souverän und oft mit gutem Gespür für Dynamik und Klanggestaltung führte. In der ersten sinfonischen Skizze, die Debussys Erinnerungen an das »Morgengrauen bis Mittag am Meer« musikalisch evoziert, lief das Orchester zu Bestleistungen auf. Mächtig schöner, sonorer Blechbläserklang und windig-luftige, aber auch strahlend helle Holzbläser mischten sich mit den solide zupackend spielenden Streichern zu einer Farbpalette orchestraler Klänge, die sich Debussy sicher gern angehört hätte.
Alexander Schirmer präsentierte sich indes als kundiger »Maler«, der mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gekonnt und durchaus poetisch umzugehen wusste. Im zweiten Satz, der mit dem poetischen Assoziationsraum des Wellenspiels hantierte, gelang genau das: das mal lyrische, mal mitreißende Vermusikalisieren abstrakter Wellenbewegungen. Debussy hat nämlich keineswegs Programmmusik fabriziert, die also banal das Meer abzubilden sucht. Vielmehr ging es ihm darum, seine eigenen Erinnerungen, seine persönlich gefühlte Verbundenheit zum Meer musikalisch in Klang zu fassen. Dieser Umstand ermöglicht und verlangt es wiederum, ebenso poetisch-frei mit dieser Idee umzugehen, also möglichst kreativ mit einem eigentlich sehr subjektiven Konzept zu arbeiten, das dann bei den Zuhörenden je individuelles Kopfkino anregt.
Das Orchester der Hochschule glänzte unter Schirmers klarem, schnörkellosen Dirigat und behielt die intensivierte Spielfreude auch im dritten Satz noch bei. Hier kulminierte dann das Spiel der einzelnen Musikerinnen und Musiker gerade so wie im berühmten Holzschnitt Die große Welle vor Kanagawa des japanischen Künstlers Hokusai, der auch auf dem Erstdruck der Partitur von La Mer abgedruckt wurde. Die einzelnen Fraktale, die Gischtwogen und Wirbel werden erst in ihrer Potenz zu einer großen, mitreißenden Welle. Genau das gilt auch für das Orchester, genau das gelang auch den vielen Musikerinnen und Musikern der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen, die an diesem Abend ein herausragendes Werk der Orchestermusik auf eindrucksvolle Art und Weise unter inspirierter Leitung zum Klingen brachten.
– Adrian T. Brenneisen





