
Knapp drei Jahrhunderte Musikgeschichte an einem Abend: Die Württembergische Philharmonie Reutlingen spannte gestern in Trossingen unter der Leitung von Anna Rakitina einen großen Bogen von Bachs gelehrtem »Ricercar a 6« über Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 467 bis hin zu Schostakowitschs monumentaler Fünfter Sinfonie. Ein Bericht von einem beeindruckenden und gut besuchten Konzertabend im Hohner-Konzerthaus.
Bach durch die Brille des 20. Jahrhunderts
Den Auftakt bildete Bachs sechsstimmiges »Ricercar a 6« aus dem »Musikalischen Opfer« – allerdings nicht im barocken Original, sondern in der raffinierten Orchestrierung Anton Weberns von 1935. Webern zerlegt die kontrapunktische Dichte der Fuge in feinste Klangpartikel, verteilt die Stimmen entlang der orchestralen Farben und macht so hörbar, warum Bachs Spätwerk immer wieder als »unerhört modern« beschrieben wird. Dabei werden die einzelnen Stimmen in teils extrem kurzen Abständen von Stimme zu Stimme weitergereicht, was eine enorme Herausforderung an das Ensemble stellt. Rakitina war mit durchwegs aufgeräumtem Dirigat sichtlich bemüht, die Musikerinnen und Musiker beisammen zu halten, sodass das heikle Werk einen schönen Ausgangspunkt des Konzerts bildete und gleich von Beginn an klar machte, dass die Reutlinger in gewohnt guter Qualität und mit viel Gestaltungsfreude spielen würden.
Bei aller Transparenz und Aufgeräumtheit war das Zusammenspiel dennoch an manchen Stellen hörbar konfus, etwas mehr Flexibilität und Ausgestaltung, hätten dazu beitragen können, dem Werk einen wärmeren, einladenderen Gestus zu verleihen. So blieb eher der Eindruck einer analytisch gehaltenen Orchesteretüde denn einer bereichernden, bunt-schillernden Bearbeitung des Bach’schen Klassikers.
Mozart zwischen Sinfonik und Kammermusik
Fast programmatisch schloss sich Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur KV 467 an – jenes Werk, das 1785 in Wien inmitten eines triumphalen Konzertjahres entstand und in gewisser Weise die glückliche Lebensphase des Komponisten einfängt. Das Konzert zeigt Mozart als freien Künstler, der sich von Salzburg emanzipiert hat und in Wien mit eigenen Akademien und einem wachsenden Publikum reüssiert.
Solist des Abends war Matthias Kirschnereit. Sein Spiel zeichnete sich durchwegs durch Unkonventionalität aus. Kaum eine Phrase endete im Erwartbaren, vor allem in den beiden Ecksätzen saß Kirschnereit buchstäblich der Schelm im Nacken: Die von ihm im Einführungsgespräch vor dem Konzert erwähnte Opernhaftigkeit, die seiner Ansicht nach in vielen Stücke Mozarts stecke, drang immer wieder deutlich zu Tage, etwa bei den sehr starken dynamischen und gestischen Kontrasten zwischen den einzelnen Themen, die der Hamburger Pianist genüsslich zelebrierte. Die Tempi waren eher flott gewählt, was stellenweise zu leicht verschwimmender Artikulation im Klavier führte, was zudem durch die großzügige Pedalisierung verstärkt wurde. Insgesamt fügte sich Kirschnereits Spiel dennoch gut in Rakitinas sehr kammermusikalische Anlage des Konzerts ein. Die WPR behandelte den Orchestersatz nicht als bloße Begleitung, sondern als gleichberechtigten Partner, ganz im Sinne Mozarts, der mit den späteren Konzerten die Emanzipation des Klaviers vom isolierten Soloinstrument hin zum dialogischen Duo-Partner verfolgt hatte.
Im lyrischen »Andante« in F-Dur, das spätestens seit seiner Verwendung im Film »Elvira Madigan – Das Ende einer großen Liebe« in die Popkultur eingesickert ist, konnte Kirschnereit seine Stärken im langen Atem ausspielen.Rhythmische Freiheiten gestattete er sich auch hier, sodass besonders schön zu sehen war, wie aufmerksam und flexibel sich die Reutlinger auf dieses kammermusikalische Spiel einlassen konnten. Rakitinas Dirigat geriet hier stellenweise zu einem Nebenschauplatz, da Kirschnereit vom Klavier aus sehr aktiv kommunizierte und die Musik seinen Vorstellungen entsprechend formte.
Der Schlusssatz war an Verve und Frische kaum zu übertreffen: Besonders hervorzuheben sind die äußerst gut aufeinander abgestimmten Holzbläser, die maßgeblich zum insgesamt hervorragenden Eindruck des so berühmten Mozart-Konzerts beigetragen haben. Das Publikum war begeistert und forderte gleich zwei Zugaben von Kirschnereit: Zweimal Rachmaninoff erklang dann; mit beiden Stücken verzauberte Matthias Kirschnereit das Trossinger Publikum und machte neugierig auf mehr Musik dieser Art in seiner Interpretation.
Schostakowitschs Fünfte: zwischen Linientreue und Abgrund
Nach der Pause dann der von der Zugabe vorbereitete Sprung ins 20. Jahrhundert – zu Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47, die 1937 inmitten der stalinistischen Repression entstand. Nach der berüchtigten Prawda-Schmähschrift »Chaos statt Musik« gegen seine Oper »Lady Macbeth vom Mzensk« schrieb Schostakowitsch an dieser Sinfonie buchstäblich um sein Leben: offiziell als »schöpferische Antwort eines Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik«, in Wahrheit aber als Werk voller Angst, Trauer und bitterer Ironie.
Rakitina nahm den ersten Satz »Moderato« lyrisch, arbeitete die von Schostakowitsch angelegte und erstaunlich an Bach gemahnende Kontrapunktik feinsinnig heraus. Die WPR legte die motivischen Keimzellen mit bemerkenswerter Klarheit offen und vermittelte auch hier eine schlagende Präsenz im Umgang mit der anspruchsvollen Musik.
Im zweiten Satz, dem sarkastischen, fast mahlerschen Scherzo, trat die satirische Ebene stärker hervor. Der Satz kommt in groteskem Tanzcharakter daher und inkludiert Anklänge an Mahlers »Fischpredigt« aus »Des Knaben Wunderhorn«. Hier zeigte sich, wie präzise die WPR rhythmisch agiert und wie eng Rakitina an den Kanten der Partitur entlang dirigiert, ohne ins Zynische zu kippen. Besonders die rhytmisch-agogische Ausgestaltung wusste zu gefallen und zeugte von Ideenreichtum und auch hier: Spielfreude und Spaß am Grotesken.
Der dritte Satz »Largo« wurde zum emotionalen Zentrum des Abends. Der weit gespannte Streichergesang, die behutsam aufgebauten Steigerungen und die kammermusikalischen Inseln (abermals brillant: die Holzbläser!) zogen den ganzen Saal in ihren Bann, der seinerseits in absoluter andächtiger Stille zu verharren schien – wohl wissend um den großen Schlag, den es im Finalsatz tun würde.
Rakitina entschied sich für eine konsequent laute, schmerzlich-zerrende Lesart, die getragen wurde von einer klanglich mächtigen Blechsektion und scharf gezeichneten Schlagzeugakzenten. Gerade hier wurde deutlich, wie sehr diese Musik, entstanden unter Terror und psychischem Druck, als Mahnung in unsere Gegenwart hineinragt.
Mehr als bloßer Zeitvertreib
Der Abend mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen zeigte, wie schlüssig sich ein Programm fügen kann, das von Bachs kontrapunktischem Spätwerk über Mozarts klassisches Ideal bis zu Schostakowitschs existenzieller Sinfonik reicht. In allen drei Werken ging es um die Stellung des Individuums in einem Gefüge von Regeln, Traditionen und äußeren Zwängen – sei es die strenge Fuge, die klassische Form oder der Sozialistische Realismus.
Wird das dann alles auf einem derart guten Niveau präsentiert, entsteht mehr, als ein bloßer Konzertabend zum Zeitvertreib: Man sieht sich in einer zum Denken und Reflektieren anregenden Umgebung, die noch lange nach dem Konzert ihre Wirkung behält. Ein rundum mitreißender Abend.
– Adrian T. Brenneisen





