
Das WINDHOEK-Festival an der Musikhochschule Trossingen widmete sich vom 9. bis 11. April 2026 unter dem Motto »Fresh Air« zeitgenössische Musik für Holzbläser. Die slowenische Komponistin Nina Šenk war als Composer-in-Residence zu Gast: Elf ihrer Werke – von frühen bis neuesten Kompositionen – wurden von engagierten Studierenden aufgeführt. Kurz vor dem Abschlusskonzert sprachen wir mit ihr über ihre Eindrücke der Festivaltage, ihr Schaffen und den »frischen Wind« in der neuen Musik.
Nina Šenk, das Windhoek-Festival läuft nun schon seit Donnerstag. Heute Abend findet das Abschlusskonzert statt. Wie ist denn Ihre vorläufige Bilanz? Ist in Trossingen auch die Neue Musik zu Hause?
Ja, bestimmt kann man sagen, dass neue Musik hier zu Hause ist. Für eine Komponistin ist das eine wunderbare Ehre, wenn sich ein Festival mit der eigenen Musik beschäftigt. In den letzten Tagen habe ich elf meiner Stücke gehört und war bei Proben anwesend. Das Niveau der Studierenden ist wunderbar, alles war hervorragend vorbereitet von den Professoren. Es ist einfach wunderschön – ein Traum wurde wahr.
Sie sind Composer-in-Residence bei diesem kleinen Festival hier. Mit welcher Erwartung sind Sie nach Trossingen gekommen? Was macht man als Composer-in-Residence?
Als Komponistin kann ich direkt mit den Musiker:innen an den Stücken arbeiten. Ich kann Vieles erzählen, Probleme sofort lösen. Es ist eine wunderschöne Idee, einen Komponisten einzuladen, damit auch das Publikum – nicht nur die Musiker – diese Persönlichkeit kennenlernt. So kann man besser verstehen, wie die Arbeit von Komponisten aussieht, was wir machen, denken und womit wir uns beschäftigen. Das ist ein tolles Erlebnis für Publikum und Musiker.
Windhoek trägt in diesem Jahr das Motto »Fresh Air«. Was ist denn für Sie dieser frische Wind, der jetzt vielleicht bei diesem Festival aufkam?
Ich arbeite jetzt schon 25 Jahre als Komponistin und zähle schon nicht mehr zur jungen Generation (lacht). »Fresh Air« ist ein wunderschönes Motto, weil ich jetzt die neue Generation sehe, die mit so viel Begeisterung und Energie an zeitgenössische Musik herangeht. Das gibt mir Hoffnung und ein schönes Gefühl, dass neue Musik weiterleben wird.
In Trossingen wurden insgesamt elf Stücke von Ihnen gespielt. Wie kam es denn zu dieser konkreten Auswahl? Gibt es eine Verbindung zwischen den einzelnen Stücken, die ja allesamt für unterschiedliche Besetzungen geschrieben sind?
Richtig, die Stücke sind alle für verschiedene Besetzungen komponiert, arbeiten aber alle mit dem Klang von Blasinstrumenten. Ich habe alle Stücke, die ich habe, an die Hochschule geschickt, und Professor Chen Halevi und andere Professoren haben ausgewählt, was für das Festival Sinn ergibt und nicht zu schwierig ist. Tatsächlich wurden hier dann aber sogar die schwierigsten Stücke gespielt – das ist toll. Für mich war es eine wunderschöne Reise: Von Stücken, die ich vor 22 Jahren geschrieben habe bis hin zu neuen Werken ist alles dabei.
Die Titel Ihrer Stücke sind teils bildhaft und wirken so, als würde eine Geschichte dahinter stecken – ist Ihre Musik erzählerisch?
Titel und Idee von Kompositionen sind oft sehr verbunden – die ersten Inspirationen sind meistens die Titel. Es gibt auch Stücke wie Recitativo und Allegro, wo ich rein musikalisch rangehe, ohne Programm. Aber die meisten haben eine Geschichte, die ich vor jedem Stück dem Publikum erzählt habe.
Wie hat denn Ihre Zeit hier in Trossingen ausgesehen? Seit wann sind Sie da, und wie haben Sie die Zeit in Trossingen verbracht?
Ich bin am Montag angereist und habe am Dienstag früh mit Proben angefangen. Elf Proben, jedes Stück mindestens eine Stunde, dazu Konzerte und Masterclasses – ich war voll beschäftigt. Von Trossingen selbst habe ich nicht viel gesehen, aber das Wetter und die Hochschule waren wunderbar.
Dieses Festival widmet sich ja vornehmlich den Holzbläsern. Was macht dieses Instrumentarium für Sie denn klanglich so besonders im Vergleich zu Streichern oder großen Orchesterbesetzungen?
Holzbläser sind eine besondere Geschichte, wie Streicher auch. Jedes Instrument ist so anders, mit anderen technischen Möglichkeiten. Bei Streichern kann man es mehr zusammenstellen, aber mich hat die Musik für Holzbläser von Anfang an beschäftigt. Schon als jüngere Komponistin hatte ich Aufträge für Bläser und habe damals gemeinsam mit Freunden an den Stücken geprobt. Holzbläser sind vielschichtig – ein Festival wie dieses zeigt das gut.
Nehmen Sie uns einmal mit an Ihren Schreibtisch – wie beginnt ein neues Stück?
Am Anfang ist alles im Kopf. Ich setze mich erst hin, wenn die Idee klar ist. Dann schreibe ich ganz traditionell: Bleistift, Notenpapier, Radiergummi. Erst später übertrage ich die Partitur in den Computer, um Stimmen vorzubereiten. Dieses handschriftliche Arbeiten ist für mich unverzichtbar – es zwingt mich, wirklich zu hören, was ich notiere.
Ihre früheren Werke gelten als virtuos. Hat sich Ihr Stil mit den Jahren verändert?
Definitiv. Früher stand Virtuosität im Vordergrund, heute suche ich mehr Ruhe, mehr Ausdruck hinter den Tönen. Ich möchte Musiker:innen und Publikum auf eine Reise mitnehmen – sei sie dramatisch, still oder fragend. Am Ende sollte man an einem anderen Ort ankommen als zu Beginn.
Sie betonen, dass Sie Musik schreiben, um Menschen zu berühren. Ist das Ihr zentrales Anliegen?
Ja. Musik soll körperlich spürbar sein – so wie wir Bach oder Brahms körperlich empfinden können. Wenn es mir gelingt, Hörer:innen emotional zu bewegen, ist das die schönste Bestätigung meiner Arbeit. Das ist die Energie, die Musik weitergibt.
Was wünschen Sie sich, dass vom Festival bleibt?
Ich wünsche mir, dass das Publikum erlebt hat, dass Neue Musik nichts Befremdliches ist. Sie schenkt interpretatorische Freiheit und öffnet Räume, die die klassische Tradition nicht mehr bietet. Die Studierenden hier haben das mit großer Neugier angenommen – darauf kann diese Hochschule stolz sein.
Und nach Trossingen? Welche Projekte stehen für Sie an?
Im Moment schreibe ich ein neues Stück für das Münchener Kammerorchester, das im Juli bei einem Komponistenporträt uraufgeführt wird. Außerdem stehen drei Aufführungen meines Orchesterwerks Changing im Konzerthaus Berlin bevor. Im Mai endet dann mein Composer-in-Residence-Jahr in Aachen mit einem Orchesterkonzert. Es wird also sicher nicht langweilig!
Nina Šenks Aufenthalt in Trossingen unterstreicht: Zeitgenössische Musik blüht in intensiver Begegnung zwischen Komponistinnen, Studierenden und Publikum. Ihr »Fresh Air« weht weiter – in München, Berlin und Aachen. Mehr zum WINDHOEK-Festival auf der Website der Musikhochschule Trossingen.
Das Gespräch mit Komponistin Nina Šenk führte Adrian T. Brenneisen.
