
Anna Rakitina, eine der vielseitigsten Dirigentinnen unserer Zeit, steht am Pult der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Mit Solist Matthias Kirschnereit präsentiert sie ein Programm, das von Mozarts Klavierkonzert KV 467 über Bachs Ricercar a 6 (in Weberns Orchestrierung) bis hin zu Schostakowitschs Fünfter Symphonie reicht. Im Gespräch spricht Rakitina über ihre Wurzeln als Violinistin, die Bedeutung Bachs und ihre Arbeit mit Orchester und Solisten.
Frau Rakitina, Sie wuchsen in Moskau in einer musikalischen Familie auf und studierten zunächst Violine, bevor Sie sich dem Dirigieren zuwandten. Wie prägt dieser instrumentale Hintergrund Ihre Orchesterarbeit – besonders in einem Programm, wo Orchester und Solist mal gemeinsam agieren, mal gegeneinander?
Meine Mutter ist Musikerin – eine Chorleiterin. Sie hat mich eigentlich zum Dirigieren gebracht, allerdings erst nachdem ich mein Musiktheorie-Studium abgeschlossen hatte. Als Kind habe ich Geige gespielt – das war meine eigene Wahl –, später dann auch Klavier. Ich liebe den Klang der Streicher über alles, die Violine bleibt mein liebstes Orchesterinstrument.
Das schafft in meinen Proben sicher einen besonderen Fokus auf den Ausdruck der Streicher und ihr Legato. Gleichzeitig habe ich aber kein bevorzugtes Soloinstrument, das ich mit dem Orchester begleiten möchte. Es gibt so viel großartige Musik für alle Instrumentenfamilien, und so viele außergewöhnliche Solistinnen und Solisten, die einen immer wieder verblüffen. Ich versuche stets, die Vision des Solisten lebendig werden zu lassen – und vermeide es, Konkurrenz zu schaffen, wenn das die Partitur nicht vorsieht!
Das Andante aus Mozarts Konzert wurde durch den Film Elvira Madigan weltberühmt. Wie gehen Sie an dieses Stück heran: Bleiben Sie beim vertrauten Klang, oder möchten Sie etwas Neues schaffen? Ist das vielleicht auch generell charakteristisch für Ihren musikalischen Ansatz?
Ich kannte den Film bisher nicht und habe ihn noch nicht gesehen. Aber ich finde generell, dass die Verwendung klassischer Musik in Filmen oder sogar Videospielen der Musik nicht schadet, sondern auf seltsame Weise hilft, mehr Hörerinnen und Hörer zu erreichen. Man weiß nie, woher die Inspiration kommt – meine tiefe Liebe zu Sibelius begann zum Beispiel mit dem Audio-Intro der Software gleichen Namens. Je mehr man hört, desto mehr liebt man.

Bachs Ricercar a 6 in der Orchestrierung von Webern verbindet Barock mit moderner Klangästhetik. Warum haben Sie dieses so besondere Stück in Kombination mit Mozart und Schostakowitsch ausgewählt?
Dieses Stück wollte ich seit Jahren programmieren! Diesmal wurde mir ein bereits spannendes Programmkonzept angeboten, und ich fand darin glücklich das Bach-Webern Fuga Ricercata. Es ist ein einzigartiges Beispiel dafür, wie man ein Werk neu denkt und in neuer Schönheit wiederbelebt.Besonders beeindruckend war für mich ein kleiner Violin-Soloeinsatz in höchster Lage – quasi himmlische Höhen. Und im Kontext dieses Abends kommen mir Schostakowitschs Worte über Bach in den Sinn: Man sollte Musik wie Bach schreiben – was immer man damit macht, es lässt sich nicht verderben.
Gibt es eine verbindende Idee, die diese Werke zusammenhält?
Bach wurde von allen Komponisten dieses Programms hoch verehrt. Jeder von ihnen fand in seiner Musik Inspiration – von der strukturellen Perfektion bis hin zur spirituellen Tiefe.
Schostakowitschs Fünfte Symphonie wurde offiziell als „schöpferische Antwort“ auf das unterdrückerische Sowjetsystem gelobt, enthält aber auch verborgene Botschaften und Satire. Wie gehen Sie in den Proben mit diesen Widersprüchen und dem historischen Kontext um? Sind sie überhaupt für Ihre künstlerische Arbeit notwendig?
Jede Information, die man in die Proben mitbringt, kann nützlich sein, um den Musikerinnen und Musikern die eigene Vision zu vermitteln. Natürlich ist der historische Aspekt bei Schostakowitsch nicht zu trennen – er ist in seiner Sprache selbst verankert und prägt entscheidend, wie die Musik gespielt werden muss. Glücklicherweise sind die meisten Musikerinnen und Musiker mit diesem Phänomen vertraut und bringen bereits Erfahrung mit seiner Musik mit.
Das Gespräch mit Anna Rakitina führte Adrian T. Brenneisen für kukt.